Herrschaftsgebiete und Zugehörigkeit: Gescheiterte Rassentronomien und ‚Staatsfähigkeit‘ in den nordamerikanischen Grenzgebieten des 19. Jahrhunderts

Forscherin: Prof. Dr. Rebecca Brückmann

Physische Grenzen, soziale Grenzen und Grenzüberschreitungen stehen im Mittelpunkt der Geschichte der nordamerikanischen (und internationalen) Geschichte der Grenzgebiete. Grenzgebiete sind gleichzeitig ein Ort und eine epistemologische Methode, die die Geschichte und die Wissensproduktion untersucht, wenn verschiedene Entitäten aufeinander treffen, interagieren und sich gegenseitig bekämpfen, ein Raum, der durch politische, kulturelle und soziale Fluidität gekennzeichnet ist.
 
Die Geschichte der Grenzgebiete ist auch eine Geschichte der Rassenbeziehungen, des Aufbaus von Nationalstaaten und der Aushandlung von sozialen Taxonomien, Kodifizierungen und Zugehörigkeiten. Dabei geht es um Fragen der Identitätsbildung im Verhältnis zu anderen sozialen Faktoren und Gruppen, um Fragen der Inklusion und Exklusion von und in Kollektiven sowie um Fragen der Machtverhältnisse. Raum wird sozial konstruiert und das Soziale wiederum ist auch räumlich, insbesondere in Bezug auf Bewegung und Mobilität. Ende des 18. und 19. Jahrhunderts schuf die West-Expansion auf dem nordamerikanischen Kontinent an mehreren Orten und mit unterschiedlichen Varianten und Akteuren Grenzgebiete: Das Grenzgebiet der Grenze ist in sich „gemischt“ und die Begegnungen sind von Natur aus reziprok.
 
Ich interessiere mich für die historische Entwicklung von kategorisierten Rassenverständnissen in den amerikanisch-mexikanischen und amerikanisch-kanadischen Grenzgebieten sowie für die Prozesse und das Versagen bei der Bildung von hegemonialem Wissen über diese dazwischen liegenden, mehrdeutigen (dritten) Räume und ihre rassifizierten Menschen. Dieses Projekt legt einen besonderen Schwerpunkt auf die Selbstwahrnehmung und das Gegenwissen von Menschen gemischter Rasse, insbesondere von Genizaros, Mestizen und Métis, die zeitweise als „gescheiterte Bürger“ der Vereinigten Staaten wahrgenommen wurden. Das Projekt stellt die Frage, wie ihre alltäglichen Praktiken die Bildung unterschiedlicher Rassenkodifizierungen und räumlicher Klassifizierungen in Nordamerika während des 18. und 19. Jahrhunderts untergraben und sabotiert haben.